Pressefoto Helmut Kruse in Schottland

Zwei Jahre mit der Olympus E-M1 II. Zurück zum Vollformat?

Was kann der kleine Sensor der Olympus in der Praxis?

Dies wird kein weiterer Vergleich zwischen Vollformat und MFT. Darüber gibt es genügend, teilweise mehr oder weniger sinnvolle Berichte im Netz.
Ich werde nicht von Olympus oder einem anderen Hersteller gesponsert und möchte niemanden zum MFT System bekehren. Die Foto-Ausrüstung ist für mich in erster Linie ein Werkzeug.

Jeder Nutzer, egal ob Hobbyfotograf oder nicht, sollte die Kamera nutzen, die den meisten Spaß an der Fotografie bietet. Ob man das “braucht” oder nicht ist in den meisten Fällen eine ganz andere Frage. Seit meinem Umstiegsbericht vom 13.11.2017 sind nun fast zwei Jahre vergangen. In diesem Beitrag schildere ich meine Erfahrungen mit Olympus während unzähliger Fototouren, Workshops und Fotoreisen.

Dabei steht eine Frage ganz weit oben: Gab es Situationen, in denen ich ein Bild aufgrund der Ausrüstung nicht machen konnte? Die Antwort gibt es im Fazit.

Verarbeitungsqualität

Ich habe die gesamte Ausrüstung bei unterschiedlichen Bedingungen genutzt. Das Temperaturspektrum reichte von -15º C bis 39º C. Stürmischer Wind am Strand mit viel Flugsand und Gischt, Regen, Schnee, eigentlich alles, was man so in der Naturfotografie erleben kann. Wie auch mit dem Bodys vor der Olympus Zeit habe ich in keiner Situation Probleme gehabt, die Kamera hat immer das gemacht, was sie sollte.

Der Body ist Wasser-/Staubgeschützt, was man bei aktuellen Modellen auch erwarten kann. Ich habe teilweise das Objektiv auch dort gewechselt, wo man es eigentlich nicht machen sollte. Mit Sensorflecken hatte ich trotzdem keine Probleme. Das Klappdisplay hat ebenfalls keinen Schaden genommen. Alle Abdeckungen sind noch da, wo sein sollten.

Auch die Linsen aus der Pro Serie von Olympus sind gegen Witterungseinflüsse abgedichtet. Der Tubus des 12-100 4.0 Pro rutscht nach wie vor beim Tragen der Kamera nicht heraus, alle Ringe laufen ohne Knartzen oder Ruckeln, was ich angesichts des Preises auch erwarte. Die Sonnenblenden haben außer den üblichen Kratzern nichts in Ihrer Funktion eingebüßt. Ich habe beim 300 er damit auch keine Probleme gehabt, obwohl es gerade bei diesem und dem 40-150 2.8 schon gelegentlich Probleme mit hakeligen Sonnenblenden oder einem gebrochenen Mechanismus gab.

Da ich generell mit der Ausrüstung pfleglich umgehe habe ich keinerlei Grund zur Beschwerde hinsichtlich der Verarbeitungsqualität und der verwendeten Materialien.

Das Handling

Durch das Arbeiten mit diversen Kamerabodys von Canon war es zunächst eine Umstellung, da verschiedene gewohnte Tasten entweder nicht vorhanden oder aber anders belegt waren. Wenn man seine Konfiguration jedoch einmal gefunden hat, gibt es keinerlei Probleme. Mein Daumen erreicht die Tasten zum Verschieben des Fokuspunktes mit dem Auge am Sucher. Alle Tasten rasten satt und präzise ein. Die Griffgummis sind bei meinem Modell immer noch da, wo sie sein sollten.

An die fehlende ISO-Taste habe ich mich inzwischen gewöhnt. Olympus hat das wohl inzwischen eingesehen und bei den Nachfolgemodellen E-M 1X und bei der E-M 5 III diese Taste nun wieder dort angeordnet, wo sie hingehört.

Das Gehäuse an sich ist natürlich kleiner als eine 5D IV oder Nikon D850. Es bietet mir genug Halt und einen sicheren Griff. Die Balance ist auch mit für das MFT System verhältnismäßig schweren Linsen sehr gut und nicht zu kopflastig. Einen Batteriegriff benötige ich nicht. Das Klappdisplay leistet für mich sehr gute Dienste.

Die Abblendtaste, die ich besonders zur Beurteilung des Sonnensterns nutze, hat Olympus zum Glück nicht weggelassen, wie viele andere Hersteller.
Dadurch kann ich nun auch im Sucher den Verlauf der Sonnenstrahlen sehen und die Sonne entsprechend platzieren. Der elektronische Sucher bietet bei jeder Systemkamera ohne Spiegel deutlich mehr Informationen als bei einer DSLR. Das wäre dann aber wieder ein grundsätzliches Abwägen zwischen Spiegellos und DSLR.

Fotos zum Thema Sonnenstern

Besonders der integrierte Stabilisator erlaubt es mir in vielen Situationen auch Freihand Fotos zu machen. Vor allem mit Objektiven fremder Hersteller, die nicht stabilisiert sind, wie z.B. das Samyang 125 f2.0. Grundsätzlich ist die Arbeit mit einem Stativ die genauere Methode, da man mehr Zeit für den Bildaufbau verwendet, da man nicht unbequeme Körperpositionen einnehmen muss.

Fotos zum Thema Freihand und längere Verschlusszeiten

Natürlich war das Gewicht ein weiterer Umstiegsgrund. Meine “Landschaftssetup” bestehend aus einer Filtertasche, dem Body, dem 12-100 Pro und dem Panasonic 8-18mm passen locker in das ICU des F-Stop Guru. Wenn das 300 f4.0 mit muss, passt auch dies locker in das obere Fach des Rucksacks. Nach zahlreichen Touren mit etlichen Höhenmetern weiß ich diesen Vorteil immer mehr zu schätzen. Ich habe zwar vorher auch nur das Equipment mitgenommen, das ich auch vor Ort benötigte, trotzdem war es einfach mehr Gewicht, besonders wenn es in den Bereich der langen Brennweiten geht.

Zusammenfassend liegt mir das Gehäuse sehr gut in der Hand, die Ergonomie passt. Dieser Punkt ist für mich deutlich wichtiger als einige andere technischen Merkmale auf die oft die Aufmerksamkeit gelenkt wird.

Der Service

Wenn man auf funktionierendes Equipment angewiesen ist, ist für mich der Service des Herstellers ein sehr wichtiger Punkt. Leider habe ich in dieser Hinsicht mit dem Kundendienst von Canon, speziell in Willich, sehr gemischte und letztlich für mich nicht zufriedenstellende Erfahrungen gemacht. Das war auch ein Wechselgrund für mich.

Olympus bietet unterschiedliche Servicepakete an, die ähnlich dem Canon Pro Service aufgebaut sind und je nach Leistungsumfang und Zahl der Ausrüstungsgegenstände verschiedene Preise haben. Möchte man sein Equipment zur Überprüfung und Wartung “einreichen”, so erhält man einen Abholtermin von DHL nebst Paketschein zum Ausdrucken. Meist kommt das Paket nach ca. fünf Werktagen wieder mit einem Servicebericht der einzelnen Komponenten zurück. Man kann bekannte Fehler oder Dinge, die aufgefallen sind dem Service vorher mitteilen. Defekte Teile werden ohne nervige Telefonate oder Diskussionen per E-Mails einfach getauscht. So stelle ich mich mir Kundenservice vor!

Die Bildqulität

Wie eingangs erwähnt werde ich keine Vergleichsbilder zwischen Vollformat und MFT besprechen. Die Themen Freistellungsvermögen, Dynamikumfang und Auflösung werden im Netz hinlänglich diskutiert. In mancherlei Hinsicht hat für mich ein größerer Sensor sicher in einigen Situationen die Nase vorn. Da ich jedoch Praxisberichte schreibe, halte ich diese Unterschiede in über 90% der fotografischen Anwendungsfälle einfach für mich nicht für relevant. Möchte man sehr groß Ausbelichten und auch noch aus nächster Nähe feinste Details erkennen oder arbeitet man vorwiegend bei sehr schwierigen Lichtbedingungen, kann ein größerer Sensor Vorteile haben. Das soll es aber auch in Sachen “Vergleich” gewesen sein.

Ich habe auch mit nur 20 Mpixeln Ausdrucke in 1,20m erstellen lassen. Rein rechnerisch würde man für eine solche Bildgröße bei 300 dpi eine Kantenlängen von ca. 14000 Pixel benötigen. Die Kunden waren immer sehr zufrieden. Möchte ich mehr Auflösung, so greife ich auf die 80 Mpixel RAW Datei zurück, die durch das Pixelshifting entsteht. Sicher sind hier Abstriche zu machen, da die Objektive diese Auflösung nicht wirklich liefern können, man gewinnt jedoch trotzdem massiv an Detailzeichnung.

In den Situationen, in denen ein extrem hoher Dynamikumfang nicht in einem Foto durch die Kamera bewältigt werden kann setzte ich entweder Filter ein oder mache mehrere Belichtungen. Die Tiefen lassen sich dabei meiner Erfahrung nach deutlich besser aufhellen als z.B. bei der Canon 5DIII, meinem letzte Canon Body.
Alle Objektive sind für meine Anwendungen absolut offenblendentauglich. Auch bei Canon L-Linsen, wie z.B. dem 16-35 f4.0 II mußte ich abblenden, da bei Offenblende eine für mich sichtbar weicherer Bildeindruck entstand.

Manche Objektive sind auf Schärfe ausgelegt. So auch das 300mm f4.0. Hier sieht man bei sehr genauem Hinsehen in der 1:1 Vergrößerung gerade bei unruhigem Hintergrund Unterschiede zu den großen Telebrennweiten von Canon. Da ist das Bokeh einfach eine Spur weicher. Dies sollte bei dem – je nachdem – bis zu 6- fachen Preis auch zu erwarten sein.

Und das Bildrauschen?

Das oft zitierte Bildrauschen tritt systembedingt schon bei relativ moderaten ISO Werten von 800 zu Tage, lässt sich aber gut durch die Bildbearbeitung in den Griff bekommen und wirkt eher wie ein Filmkorn aus analogen Zeiten. Hier kommt dann wieder der Stabilisator ins Spiel, der es mir auch mit der 300er Festbrennweite erlaubt, aus der Hand recht lange Verschlusszeiten verwackelungsfrei zu halten. So erspare ich mir zu hohe ISO Werte. Wenn man jedoch schnelle Bewegungen mit den dazu nötigen kurzen Verschlusszeiten ablichten will, muss man zwangsläufig die ISO hochschrauben. Wer jedoch oft Fotos mit ISO 3200 oder höher bei wenig Licht machen möchte und diese auch groß an der Wand hängen haben will, der sollte diese Fotos evtl. nicht mit einer MFT Kamera machen. Ebenso lässt der Dynamikumfang mit steigender ISO Empfindlichekeit deutlich sichtbar nach. Das sind einfach die Grenzen der Pysik, die sich auch nicht wegdiskutieren lassen.

Wenn man jedoch sehr genau auf die Belichtung achtet und auf die Art des Hintergrundes, lassen sich auch bei höheren ISO Werten brauchbare, wenn auch nicht perfekte Fotos machen. Bei meinen wenigen Fotos mit hoher ISO Empfindlichkeit kann ich mit der Qualität des kleinen Sensors leben.

Fotos zum Thema Bildrauschen

Die Freistellung von Motiven gehört ebenfalls zu den fanatisch diskutierten Themen in Internetforen. Auf den ersten Blick wirken Szenen mit einem kleinen Schärfebereich “professionell”. Schaut man jedoch genauer hin, so stellt man teilweise fest, das Freistellung allein außer einem ersten “WOW-Effekt” noch lange keine gutes Fotos macht, wenn z.B. der Hintergrund nicht entsprechend in den Bildaufbau einbezogen wird. Möchte ich eine große Freistellung, z.B. bei Pflanzen oder Tierportraits, so reicht mir das Samyang 135mm f 2.0, das Olympus 60 mm 2.8 oder das Olympus 40-150mm 2.8 Pro aus. Auch für reine Porträtfotograf gibt es im MFT System interessante Linsen wie das 45mm 1.8 oder 45mm 1.2.

Fotos zum Thema Freistellung

In der Landschaftsfotografie reicht oft eine Blende von 5.6 oder 8 für durchgehende Schärfentiefe. Auch dort lassen sich dann Freihand höhere ISO Werte vermeiden, da man die Blende weiter öffnen kann. So können die Objektive oft am Maximum der theoretischen Auflösung arbeiten. Diese nimmt mit zunehmend geschlossener Blende ab. Die Randabschattungen sind bei kleinen Brennweiten wie 8 mm vorhanden, jedoch nicht so stark ausgeprägt.

Fotos zum Thema Landschaftsfotografie

Wechsel zur E-M 1X?

Ich sehe für mich derzeit keinen Grund auf eine 1X zu wechseln oder dieses Gehäuse als Zweitbody mitzunehmen. Die Technik hat in Kameras mittlerweile einen Stand erreicht, der ab einem gewissen Budget eine sehr gute Bildqualität erwarten lässt. Die Unterschiede sind marginal. Wirklich schlechte Kameras hinsichtlich der Bildqualität oberhalb von 1000 EUR gibt es eigentlich nicht mehr.

Die Features der 1X sind für mich nicht relevant. Erst ein deutlich verbesserter Sucher wäre evtl. ein Upgradegrund. Dort ist noch Luft nach oben.

Fazit

Für mich persönlich war der Umstieg keine Fehlentscheidung. Es gab auch keine Situation, die ich nicht festhalten konnte, weil ich nun keinen großen Sensor mehr nutze. Eher im Gegenteil. Viele Fotos sind aus der Hand entstanden, da kein Stativ greifbar war, die vorher so nicht möglich gewesen wären.

Durch die Workshops und abschließenden Bildbesprechungen sehe ich sehr viele RAW Dateien aller gängigen Kameramodelle. Dort sind natürlich in der ein oder anderen Situation Unterschiede zu meinen Dateien hinsichtlich verschiedener technikbedingter Parameter sichtbar. Diese sind jedoch für mich nicht derart entscheidend, dass ich den Wechsel bereuen würde. Für mich überwiegen nach wie vor die Vorteile.

Ein technisch absolut perfektes Bild (richtig belichtet, scharf, großer Dynamikumfang, geniale Detailzeichnung) kann trotzdem kaum eine Bildwirkung haben.
Legt man jedoch den Fokus eher auf die Bildkomposition, so stellt man fest, das es deutlich schwerer ist, Fotos zu machen, die eine Bildaussage haben und den Betrachter bewegen. Und das ist unabhängig von der verwendeten Kamera und fordert viel Übung und Geduld. Natürlich ist die Kombination aus beidem am besten, aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht immer machbar.

Für mich ist das System keineswegs nur ein Kompromiss. Lediglich bei den Themen Sonnenstern, HighISO und Qualität des Suchers ist noch Luft nach oben, alles andere paßt für mich und meine Anwendung in der Naturfotografie.

In diesem Sinne, viel Spaß mit Eurer Kamera 🙂

Interssante Links zu verschiedenen “MFT-Themen”:

“Noise” und MFT findet sich hier (Weiterleitung zu YouTube)
“Freistellung und Sensorgröße” (Weiterleitung zu YouTube)
“Bildqualität und druckbare Größe (Weiterleitung zu YouTube)

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