Langzeitbelichtung ohne Wartezeit?

Landschaftsfotografie

Die Verschlusszeit bei einer Langzeitbelichtung

Eine Langzeitbelichtung hat unbestritten ihren Reiz. Sei es das Glätten von Wasser oder das Sichtbarmachen des Wolkenzugs, mit einer langen Verschlusszeit schafft man es den Betrachter des Bildes zu fesseln. Wie lang die Verschlusszeit dabei sein muss, hängt vom gewünschten Effekt ab.
Es kann auch vorkommen, dass man mehrere Minuten belichten muss oder belichten möchte, um einen bestimmten Bildeindruck zu erlangen. Möchte man dann auch noch länger belichten, als es die Einstellung der Kamera bei der Verschlusszeitvorwahl erlaubt, fängt der Frust am.

Hier ein paar Beispiele mit Belichtungszeiten von 60 Sek bis zu 300 Sek.

Zwei Minuten umsonst gewartet

Das kennt sicher jeder Fotograf: Man hat aus Erfahrungswerten, aus einer Tabelle oder mittels Berechnung eine lange Verschlusszeit eingestellt. Bei vielen Kameras wird dann noch ein „Dunkelbild“ zum Reduzieren des Rauschens mit derselben Verschlusszeit gemacht (nicht zu Verwechseln mit der generellen Rauschminderung, wo das Bild einfach nur in mehreren Stufen weichgezeichnet wird). Bei wenigen Sekunden Belichtungszeit ist das alles kein Problem. Soll jedoch deutlich länger belichtet werden, wird es schwieriger.

Möchte man z.B. zwei Minuten belichten, wartet man insgesamt vier Minuten (die Rauschreduzierung), um das Bild am Monitor sehen zu können. Wenn es dann nicht richtig belichtet ist, wartet man weitere vier Minuten um das neue Bild mit den korrigierten Einstellungen begutachten zu können. Das kann besonders dann nervig sein, wenn sich Lichtsituationen schnell ändern und man zu oft „probieren“ muss, um eine vernünftige Belichtung zu erhalten.

Doch das „Warten“ ist nur das kleinere Übel. Bei den meisten Kameras ist die maximal einstellbare Belichtungszeit 30 Sek. Doch was macht man, wenn man länger belichten muss und die Kamera durch Blinken signalisiert, dass die längste Verschlusszeit nicht ausreicht bzw. die Belichtungssimulation nicht mehr funktioniert? Wie ermittelt man dann die nötige Belichtungszeit für eine Langzeitbelichtung?

ISO 6400

Normalerweise stellt man bei einer Langzeitbelichtung ISO 100 oder weniger ein, um die maximale Bildqualität sicherzustellen. Doch warum nun auf einmal ISO 6400? Dazu sehen wir uns den Zusammenhang zwischen ISO und Verschlusszeit genauer an:

Angenommen ich möchte ein Bild bei Blende 8, ISO 100 und einer Belichtungszeit von 120 Sek machen. Wenn man nun den ISO Wert verdoppelt und die gleiche Menge Licht auf den Sensor treffen soll, dann halbiert sich die Belichtungszeit, da wir die Blende konstant halten wollen. So wären wir bei ISO 200 dann bei einer Belichtungszeit von 60 Sek. Im nächsten Schritt dann ISO 400 und 30 Sek. Führt man die Reihe bis ISO 6400 weiter, so erhält man dann eine Belichtungszeit von 2 Sek.
Es kommt auch aus technischen Gründen zu kleineren Abweichungen bei den Belichtungszeiten. So kann man z.B. 1/16 Sek nicht einstellen. Das ist jedoch vernachlässigbar.

Daraus ergibt sich dann ein Faktor von 60. Bei ISO 100 war die Belichtungszeit 120 Sek, bei ISO  6400 muss die Belichtungszeit, um die gleiche Helligkeit zu erreichen, 2 Sek betragen. Bei vielen Kameras werden noch andere als die genannten ISO Stufen angezeigt. Das liegt daran, dass die Kamera die ISO Werte in Drittelschritten ändert und nicht in ganzen Schritten. Das ist jedoch eine Einstellungssache im Menü der Kamera.

Und was bringt das jetzt für eine Langzeitbelichtung?

Ein einfacher Trick hilft uns dabei die Belichtungszeit zu ermitteln. Den gewünschten Effekt, wie das Glätten des Wassers oder das Ziehen der Wolken, erreicht man mit einer kurzen Verschlusszeit natürlich nicht. Da jedoch die Belichtung der beiden Aufnahmen identisch ist, ist man nun in der Lage die bei ISO 6400 ermittelte Belichtungszeit auch für ISO 100 einzustellen. Oft ist dazu dann die Kamera in den „Bulb“ Modus zu versetzen. Dann wird so lange belichtet, wie der Auslöser gedrückt wird.

Die Vorgehensweise

1. Gewünschte Blende einstellen im Modus Av
2. ISO 6400 einstellen
3. Kamera ermittelt die nötige Belichtungszeit
4. Belichtungszeit mit 60 multiplizieren
5. In den „Bulb“ Modus wechseln und die gewünschte Blende einstellen
6. ISO 100 einstellen und die errechnete Belichtungszeit belichten (am besten mit einem programmierbaren Fernauslöser)

Sollte die Kamera nicht in der Lage sein, bei ISO 6400 eine Belichtungszeit zu ermittelt, stellt man hier zunächst einen festen Wert von z.B. 1 Sek ein. Dann sieht man am Ergebnis, ob die Belichtungszeit passt oder man die Zeit verändern muss. Dann steigt man bei Punkt 4 wieder ein. Auch das geht erheblich schneller als vier Minuten zu warten.

Nutze ich z.B. einen Graufilter ND 3.0, der die Belichtungszeit um 10 Blendenstufen verlängert, kann man auch etwas anders vorgehen, wenn man die Belichtungszeit von 30 Sek nicht unterschreitet. Im manuellen Modus bestimmt man die Belichtungszeit ohne Filter, so dass das Bild richtig belichtet ist. Dann schraubt man den Filter auf das Objektiv und dreht das Rad für die Belichtungszeit um zehn „Rasten“, denn der Filter verlängert die Zeit um 10 Blendenstufen. Ist die Kamera so eingestellt, dass sie bei einer Drehung am Einstellungsrad immer um 1/3 Blendenstufe verändert, so dreht man entsprechend das Einstellrad um 30 Rasten.

Viel Spaß beim Ausprobieren.

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