Die neue OM-1 in einem ersten Praxistest

Olympus OM-1

Wieviel “Wow” steckt in der neuen “Olympus” OM1?

Nach dem Verkauf der Kamerasparte von Olympus war auch bei mir eine gewisse Skepsis vorhanden, wie es nun weitergeht mit der Entwicklung von neuen Kameras und Objektiven. Als dann im letzten Jahr ein Presseevent zur neuen Kamera angekündigt wurde, war ich sehr gespannt, was man dort präsentieren würde. Doch statt genauere Angaben, womit wir bei der “Neuen” rechnen können, wurde der neue Firmenname (OM-Systems) und ein Logo vorgestellt.
Von der Kamera gab es ein paar sehr schemenhafte Darstellungen, die nicht wirklich viel erkennen ließen.

Doch im Februar dieses Jahres war es dann endlich soweit. Die OM-1 mit all Ihren Spezifikationen wurde in einem Live-Event vorgestellt. Angekündigt als “WOW”-Kamera muss sie sich nun auch gegen die starken Mitbewerber beweisen. Innerhalb sehr kurzer Zeit gab es sehr viele Videos und Artikel. Die meisten davon jedoch nicht wirklich unabhängig und es waren kaum kritische Stimmen zu hören. Die Nachfrage hat offenbar OM-System überrascht, da die Liefersituation aktuell ein wenig angespannt ist.

Was kann die OM-1 in der Praxis

In diesem Praxisbereich schildere ich meine Erfahrungen mit der OM-1 mit meiner Art der Fotografie. Die Kamera musste sich natürlich unter anderem im Bereich “Vögel im Flug” beweisen, eine selbsternannte Königsdisziplin des neuen Modells. Laborwerte und Auflösungscharts zum Dynamikumfang oder Rauschverhalten kann ich jedoch nicht liefern. Das können einschlägige Webseiten besser. Ebenso gehe ich auf die Videofähigkeiten nicht ein, da ich diese schlicht nicht nutze.

Die Fähigkeiten der neuen Kamera werden natürlich auch im Olympus Forum https://www.oly-forum.com/ von sehr viele usern heiß diskutiert. Daher ist das Forum ein sehr guter Erfahrungsaustausch und man lernt immer was dazu, vor allem, was die Bedienbarkeit und die Konfigurationsmöglichkeiten der Kamera angeht. Dort kann man auch weitere technische Details nachlesen, die den Umfang dieses Artikels sprengen würden (z.B. was genau ist ein Stacked-Sensor).

Die für mich wichtigen Kernfeatures in der Übersicht

  • Neuer 20.5 Mpx Stacked BSI Sensor
  • AI-Motiverkennung
  • 1053 Cross-AF Punkte
  • 8 EV Bildstabilisator in fünf Achsen
  • 5,76 MPx Sucher
  • 12o fps bei S-AF (Fokus wird nicht nachgeführt)
  • 50 fps mit C-AF (Fokus wird nachgeführt)
  • Live ND Filter bis ND64
  • IP 53 Wetterschutz
  • Schnellere Verarbeitung beim Fokusstacking und HHHR (HandHeldHighRes)

Eine genauere Übersicht aller features findet man hier: https://shop.olympus.eu/de_DE/kameras/om-d/om-1-gehaeuse

Beim Blick durch den Sucher, der nahezu 100% abdeckt, gab es für mich durchaus einen “Wow-Effekt”, da dieser um ein mehrfaches höher auflöst als noch bei der E-M1 III. So kann nun auch mit der Fokuslupe die Schärfe im Detail wesentlich besser beurteilen als zuvor.

Die Anzahl der Fokuspunkte (1053 zu bisher 121) erlaubt es den Schärfepunkt sehr präzise zu setzen, besonders dann, wenn man den kleinst möglichen AF Punkt gewählt hat. Auch hier eine enorme Verbesserung zu den Vorgängermodellen.

Die Haptik und die Bedienung

Die Verarbeitungsqualität des Bodys ist herausragend. Gefühlt läuft alles noch ein wenig satter als bei der E-M1 III. Der Handgriff liegt noch mal besser in der Hand. Das vordere Einstellrad ist nun vom Auslöser entkoppelt. Daran gewöhnt man sich aber schnell. Auch das Daumenrad ist nun in den Body integriert. Über dem Joystick sitzt jetzt eine “Af-On” Taste. Insgesamt fasst sich die Kamera sehr gut an und macht in allen Belangen einen wertigen Eindruck.

In Sachen Bedienung möchte ich die Neugestaltung des Menüs erwähnen. Hier hat man deutlich aufgeräumt und eine logische Einteilung der Menüpunkte vorgenommen. So entfällt das endlose Scrollen, da das Menü jetzt besser strukturiert ist. Auch hier muss man sich erst eingewöhnen, aber das geht sehr schnell, wenn man nur noch eine Om-1 oder mehrere nutzt.

Das Rauschverhalten

In vielen Veröffentlichungen hieß es zunächst, man habe einen um zwei Blendenstufen besseres Rauschverhalten im Vergleich zum Vorgängermodell erreicht. Heißt übersetzt, dass das Rauschverhalten bei z.B. ISO 6400 bei der OM-1 und ISO 1600 bei der E-M1 III identisch sind. Das wäre jedoch in der Tat ein Quantensprung und würde die Grenzen der Physik sprengen. Später relativierte man die Aussagen dahingehend, dass man in hohen ISO Bereich bei z.B. ISO 25600 Vorteil gegenüber den Vorgängermodellen habe. Zudem spendierte OM-Systems dem hauseigenen RAW Konverter eine KI-basierte Rauschunterdrückung, die erwartungsgemäß die Kamera sehr gut unterstützt und in der Tat beachtliche Resultate liefert.

Die folgenden Fotos zeigen einen 100% Ausschnitt in Lightroom. Den Parameter Schärfe habe ich auf den Wert “0” gesetzt.

In der Praxis sieht man sehr wohl einen Vorteil der OM-1 bei ISO Werten oberhalb von 5000. Vor allem die Farbdarstellung in den dunklen Bereichen ist dann deutlich besser. Bei geringeren ISO Werten sehe ich keinerlei Unterschiede. Das entspricht jedoch nicht einem um zwei Blendenstufen besseren Rauschverhalten zum Vorgängermodell. Man erreicht aber ein wenig mehr Potenzial beim Aufhellen der Schatten und das Rauschen wirkt ein wenig feinkörniger.
Insgesamt hält sich das Bildrauschen in Grenzen, wenn man korrekt belichtet und das Bild insgesamt eher heller ist. Schwer wird es, wenn die Szene an sich schon sehr dunkel ist und man höhere ISO Werte nutzen möchte, weil man eine kürzere Verschlusszeit benötigt. Hier ist das Potential zum nachträglichen Aufhellen der dunklen Bildbereiche sehr begrenzt.

Der neue Sensor bringt im Bereich der Rauschempfindlichkeit eher kleine Verbesserungen. Das heißt jedoch nicht, dass dies schlecht ist, da auch das Rauschverhalten der Vorgängermodelle – gemessen an der Sensorgröße – schon auf einem hohen Niveau lag. An einen Sensor im Kleinbildformat reicht es aber noch nicht heran, auch da lässt wieder die Physik grüßen.

Wenn man die Bilder jedoch mit speziellen Werkzeugen zum Entrauschen (Topaz DeNoise oder DxO Deep Rrime) bearbeitet, lassen sich auch bei höheren ISO Werten beachtliche Resultate erzielen. Zu bemerken bleibt noch, das DxO aktuell die Kamera noch nicht unterstützt.

Und der Dynamikumfang?

Auch hier kann ich keinen Umfang in Blendenstufen angeben, da ich es nicht messen kann. Hin und wieder werden bei ISO 200 14 Blendenstufen genannt. Diesen Wert halte ich jedoch für ein wenig zu optimistisch. Tatsache ist wie bei jeder Kamera auch, dass der Dynamikumfang bei höhere ISO Werten abnimmt.

In den hellen Stellen scheint mir die OM-1 jedoch ein wenig sensibler zu sein als z.B. die E-M1 III. Hier muss man schon sehr genau belichten und sollte es am rechten Rand des Histogramms nicht übertreiben.

Die Motiverkennung und der AF

Dieses feature wurde schon bei der E-M1-X eingeführt. Mit neuer Rechenpower und aufgrund der Tatsache, dass der neue Sensor deutlich schneller ausgelesen werden kann sind bei der OM-1 deutlich bessere Ergebnisse zu erwarten.

Ich habe bisher lediglich die Motiverkennung bei Vögeln getestet. Ist die Erkennung aktiv wird der erkannte Vogel mit einem weißen Rahmen versehen. Ein kleinerer weißer Rahmen wird um das Auge des Vogels angezeigt. Die Treffsicherheit ist beachtlich, auch wenn der Vogel recht klein im Bild erscheint.

Bei Tieren, die nicht oder nur wenig in Bewegung sind, konnte ich mit aktivierter Erkennung im Modus S-AF bessere Ergebnisse erzielen. Stellt man auch C-AF um, also die Fokusnachführung, wird anscheinend direkt eine Bewegung erwartet und es kann vorkommen, dass nicht korrekt fokussiert wird. Sitzt ein Vogel im Geäst, verstärkt sich diese Beobachtung. Ich bezweifle jedoch, dass es eine Kamera gibt, deren Motiverkennung auch in dichtem Geäst den Vogel fehlerfrei erkennt. In solchen Situationen empfiehlt es sich, einfach die Motiverkennung zu deaktivieren und den kleinsten Fokuspunkt zum Zielen zu nutzen.

Der Graureiher wurde von der Motiverkennung trotz störender Äste perfekt erkannt. Diese Fotos sind natürlich keine “Galeriefotos”, sondern dienen nur der Veranschaulichung.

Vögel im Flug (BIF)

Um Vögel im Flug scharf abzulichten, muss die Kamera den Fokus zuverlässig von Bild zu Bild nachführen. Der Ausschuß an unscharfen Bildern ist bei dieser Art der Fotografie oft sehr hoch. Das liegt aber nicht immer an der Kamera. Die Fehlerquellen sind sehr vielfältig. Angefangen von einer zu langen Verschlußzeit, einer falschen Belichtung oder eines zu hektisches Nachführens der Kamera.  Die Motiverkennung ist da ein willkommenes Hilfsmittel. Ich ziehe es vor, ohne Tracking zu arbeiten, verfolge den Vogel also durch Bewegen der Kamera. Schaltet man das Tracking zu, sodass die Kamera das Motiv eigenständig verfolgt, sollte man die Kamera kaum bewegen, da dies den AF irritiert.

Wie viele Fokusfelder aktiviert werden sollen, hängt ein wenig von der Situation ab. Fliegt ein Vogel vor blauem Himmel ohne störende Bäume oder Büsche, kann man unbesorgt alle AF-Felder aktivieren. Wichtig ist, dass man bei den anderen AF-Feldern die Größe so wählt, dass diese innerhalb des weißen Rahmens liegen. Wähle ich z.b. den kleinsten Fokuspunkt unten rechts, der Vogel sitzt aber oben links, so wird auch mit Aktiverkennung auf den AF Punkt unten rechts scharf gestellt. Das kann man sich zunutze machen, wenn man möchte, dass die Erkennung auf ein bestimmtes Tier im Bild anspringen soll. Die Anzahl und auch die Ausrichtung der AF-Einzelfelder lassen sich individuell zusammenstellen und sind damit auf die unterschiedlichsten Motivgrößen leicht anpassbar, falls die vorgebenden AF Feldgrößen (Single, Small, Cross, Middle, Large und All) nicht ausreichen sollten.

Im Modus SH2 schreibt die Kamera 25 Bilder/s auf die Speicherkarte, wobei der Fokus kontinuierlich nachgeführt wird. Durch das schnelle Auslesen der Sensordaten und unter Zuhilfenahme des elektronischen Verschlusses kommt es zu keinen Dunkelzeiten, man sieht das Motiv also durchgängig. Ich habe bei meinen Versuchen jedoch meist den normalen Serienbildmodus mit 20 f/s genutzt. Der minimale Blackout stört mich dabei nicht. Bei den Modi SH2 und SH1 ist jedoch zu beachten, dass die minimale Verschlusszeit von der maximalen Framerate abhängt. Möchte ich die 50 f/s im SH1 Modus nutzen, so darf die Verschlusszeit maximal 1/640s betragen. Bei 25 f/s 1/320 s. Wer etwa Mitzieher machen möchte, sollte das beachten. Zu beachten ist, dass diese Modi nicht mit allen Objektiven funktionieren. OM-Systems begründet das mit der nötigen Geschwindigkeit der AF-Stellmotoren in den Objektiven.

Zusammenfassend kann ich nach den bisherigen Tests feststellen, dass die Motiverkennung sehr zuverlässig und vor allem sehr schnell reagiert. Auch unruhige Hintergründe beeinflussen den AF nicht. Teilweise hatte ich die Kamera noch nicht im Anschlag, als sich z.B. eine Graugans näherte. Schnell das Objektiv ausgerichtet, den Auslöser halb durchgedrückt und die Motiverkennung hat die Gans unverzüglich erkannt und auch verfolgt. Meist sind dann wirklich alle Fotos einer Serie scharf. Liegt mal ein frame etwas daneben, so fängt sich der Fokus schnell wieder und das nächste Bild ist wieder knackscharf. Das ist eine enorme Verbesserung zu den Vorgängermodellen und macht richtig Spaß.

Der HighRes Modus

Einige Olympus Kameras verfügen über die Möglichkeit durch die Kombination mehrere Fotos 50 MPx bzw. 80 Mpx Dateien zu erzeugen. Das geht auf Freihand mit dem sogenannten Hand-Held-High-Res Modus. Bei der OM-1 hat man den roten Aufnahmeknopf im Fotomodus mit dieser Funktion belegt. Hält man den Knopf gedrückt, kann man mit dem Wahlrad zwischen dem Stativ- oder dem Freihandmodus wählen. Anscheinend gibt es bei der Verrechnung der Fotos und der kamerainternen Erzeugung der ORF Datei öfter Probleme in den sehr hellen Bereich eines Bildes. Ist in der normalen Datei im Himmel noch Zeichnung, so fehlt diese in der hochaufgelösten Datei. Das wird auch im Histogramm sichtbar.

Bei meinen Versuchen konnte ich das nicht feststellen, da es in den folgenden Beispielbildern keine Helligkeitswerte gab, die kritisch werden könnten.
Die Berechnung des hochaufgelösten Bildes geht deutlich schneller als noch bei der E-M1 III.

Wunschkonzert

Einige Punkte halte ich bei bisher sehr viel Lob für verbesserungswürdig und hoffe da auf künftige Firmwareupdates.

Die Gesichts/Augenerkennung für Menschen ist aktuell nicht in die Motiverkennung integriert, sondern wird an anderer Stelle aktiviert. Das führt dazu, dass der Ausschuss an unscharfen Fotos höher ist als bei z.B. “Vögel im Flug”. Die schlechteste Ausbeute bekommt man, wenn C-FA+Tracking bei aktiver Gesichtserkennung auswählt. Das können die Mitbewerber (z.B. Canon R6/R5 oder SONY At VI) deutlich besser. Immerhin kann man das gewünschte Auge auswählen und ob die Kamera bei aktiver Gesichtserkennung auf das erkannte Auge oder den eingestellten Fokuspunkt scharf stellen soll. Die Zuverlässigkeit lässt aber zu wünschen übrig.

Die Konfigurierbarkeit der AF wird lediglich über die C-AF Empfindlichkeit umgesetzt. Sicher kann man mit dem Fokuslimiter oder dem Startpunkt des AF auch noch feintunen. Ich würde mir aber eine getrennte Regelung der Empfindlichkeit, wie schnell der AF auf neu im Bild auftauchende Motive reagieren soll und der generellen Schnelligkeit in Abhängigkeit der Geschwindigkeit, mit der sich das Motiv bewegt wünschen. Persönlich finde ich die Einstellmöglichkeiten in Sachen AF bei Canon besser gelöst.

Ein wirkliches Ärgernis, wenn man gern mit Mehrfachbelichtungen arbeitet, ist die Tatsache, dass man nach jeder Aufnahme diese Funktion wieder aktivieren muss. Auch fehlen Einstellungen für die Anzahl der Mehrfachbelichtungen und für die Art, wie die Belichtungswerte verrechnet werden sollen.

Bisheriges Fazit

Sicher konnte ich bisher nicht alle Funktionen der Kamera in der Praxis testen  (ProCap, Starry Sky AF, Live ND). Trotzdem hat mich die OM-1 bis hierher absolut überzeugt. Die Kamera ist in vielen Belangen der E-M1 III deutlich überlegen:

  • Deutlich schneller AF
  • Mehr AF Punkte
  • Viel besserer Sucher
  • Berechnung im HighRes und Stacking Modus deutlich schneller
  • Übersichtlicheres Menü
  • Nochmals verbesserte Ergonomie und Spritzwasserschutz

Das es auch ein paar Kritikpunkte gibt, ist sicher auch keine Überraschung. Diese sollten sich über künftige Firmwareupdates beheben lassen.
OM-Systems hat einen guten Job gemacht und ich hoffe, dass die künftigen Entwicklungen weiter in diese Richtung gehen.

Generell hört man immer wieder “früher hatte man auch keine Gesichtserkennung und konnte trotzdem Fotos machen”. Sicher stimmt das, jedoch steigen mit der neuen Technik auch die Anforderungen an Fotos. Heute sind dank der kamerainternen Hilfsmitteln Fotos möglich, die vor 20 Jahren entweder überhaupt nicht, oder mit extrem viel Aufwand nur für sehr wenige Leute möglich waren. Wenn man diese Aussage runterbricht, könnte man auch sagen “Früher konnten die Menschen auch ohne Strom und Internet leben” 😉

Ein weiterer Praxistest wird in absehbarer Zeit folgen 🙂

Hier noch ein paar Fotos mit der OM1 und verschiedenen Pro Objektiven (12-100 4.0, 40-150 2.8 und 300 f4.0)

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